Autobiographische Videos können Demenz verzögern. Evaluierung und Vorschlag von Präventionsmaßnahmen.

Einleitung

Eine Demenz beginnt in der Regel mit einer leichten anterograden Amnesie und führt zur Entwicklung einer Vielzahl von Verhaltensstörungen wie Agitiertheit, Illusionen und Inkontinenz. Demenzkranke und ihre Betreuer tragen eine große Belastung. Aktuelle Lösungsansätze sind weder quantitativ noch qualitativ völlig zufriedenstellend.

Um den Stress von Menschen mit Demenz und die Belastung der Pflegenden zu reduzieren, wurden verschiedene Interventionen eingeführt. Die Pharmakotherapie hat sich als nützlich erwiesen, ihre Wirkung ist jedoch auf bestimmte Arten, Symptome und Stadien der Demenz beschränkt. Unerwünschte Nebenwirkungen schränken auch die häufige Einnahme von Medikamenten ein. Parallel zur Pharmakotherapie wurden therapeutische Ansätze vorgeschlagen, wie Gedächtnistraining, Musiktherapie, Validierungstherapie, Verhaltenstherapie und Selbsterhaltungstherapie. In letzter Zeit wurden computerbasierte Interventionen untersucht.

Obwohl die Wirksamkeit dieser alternativen Ansätze im Allgemeinen nicht nachgewiesen wurde, ist die Erinnerungsintervention (einer der vorgeschlagenen Ansätze), um ein positives Selbstwertgefühl und psychosoziales Wohlbefinden zu stärken und Verhaltensstörungen zu verringern, vielversprechend. Die Erinnerungsintervention macht sich die Tatsache zunutze, dass das Langzeitgedächtnis in der Regel auch nach einer Störung des Kurzzeitgedächtnisses erhalten bleibt und wird in der Regel in einer Gruppe von erfahrenen Mitarbeitern an Einrichtungen durchgeführt. Trotz ihrer Wirksamkeit ist eine regelmäßige Erinnerungsintervention vor allem zu Hause aufgrund von Personalmangel schwierig durchzuführen. Daher sind bequeme, zu Hause orientierte Erinnerungsinterventionen wichtig.

Das Fernsehen bietet viele attraktive Funktionen für Menschen mit Demenz. Es ist praktisch, leicht verfügbar und erfordert normalerweise keine Aufsicht durch eine Pflegekraft. Allerdings erhalten nicht alle Fernsehprogramme effektiv die Aufmerksamkeit der Patienten oder bieten Freude. Darüber hinaus geht die Demenz im Laufe der Zeit oft mit einer Verschlechterung der Sprachfähigkeit einher, was das Verstehen von Gesprächen in Fernsehsendungen sowie Gesprächen im Alltag erschwert.

Als Alternative zu TV-Programmen werden derzeit Videos für Menschen mit Demenz angeboten. Die meisten dieser Videos beinhalten unter anderem das Singen alter Lieder und zeigen alte Bräuche, jährliche Veranstaltungen und das Kochen. In einer Videobandserie namens „Videopause“, die für Menschen mit Demenz entwickelt wurde, sprechen Videoerzähler in ruhigem, freundlichem Ton über Aktivitäten wie Gartenarbeit, Familienfeiern, Zusammenkünfte zu Weihnachten und singen alte Lieder.

Ein Problem im Zuge der Gruppenerinnerungsinterventionen oder der allgemeinen Videonutzung besteht darin, dass persönliche Vorlieben oft nicht berücksichtigt werden. Es ist schwer vorherzusagen, welche Themen eine Person in eine Erinnerungssitzung einbeziehen wird. Darüber hinaus entwickeln Menschen mit Demenz eine semantische Amnesie, die dazu führt, dass sie nicht in der Lage sind, allgemeine Erinnerungen wie öffentliche Ereignisse, traditionelle Praktiken, allgemeines Wissen usw. abzurufen.

Als Individuen sind wir unweigerlich mehr mit uns selbst und unseren eigenen Autobiografien beschäftigt als mit verallgemeinerten Episoden. Auch Menschen mit Demenz zeigen einen deutlichen Wunsch nach persönlich relevanten Items in der Erinnerungsintervention. Ihre autobiografischen Erinnerungen, insbesondere an jüngere Zeiten, werden oft bewahrt. Obwohl Menschen in fortgeschrittenen Demenzstadien nicht freiwillig autobiografische Erinnerungen abrufen können, können ihnen geeignete Reize wie alte Fotos und nacherzählte Episoden helfen, sich an ihre „alten Tage“ zu erinnern.

Cohen (2000) entwickelte „Videobiografien“, die Interviews mit Verwandten, Familienschnappschüsse, alte Videos und Lieblingsgeschichten enthielten. Seine vorläufige Studie legte nahe, dass während der Intervention die Agitiertheit reduziert und die Stimmung verbessert wurde. Darüber hinaus schienen sich solche Effekte zu übertragen. Viele Beobachtungen deuten darauf hin, dass Menschen mit Demenz gerne ihre alten Fotos sehen. Solche Fotos sind jedoch oft zu klein, um sie von älteren Bürgern klar zu sehen. Typischerweise wurden solche Fotografien in Alben eingefügt. Die Alben sind meist sperrig und schwer und somit nicht einfach zu handhaben. Darüber hinaus müssen Einzelpersonen oder Betreuer die Seiten umblättern, um durch die Alben zu blättern. Wenn diese Fotos in eine Video-Diashow umgewandelt würden, könnten vergrößerte Fotos auf einem Fernsehmonitor angezeigt werden, ohne dass Albumseiten umgeblättert werden müssen. Es gibt generell nur wenige Studien im Bereich der Erinnerungstheraphie, welche Audio-visuelle Stimuli nutzten.

Behandlung der Demenz

Die Behandlung von Demenzerkrankungen stellt einen wichtigen, aber relativ vernachlässigten Teil der neurologischen Versorgung älterer Menschen dar. Individuelle therapeutische Interventionen können die Lebensqualität von Menschen mit Demenz nur geringfügig verändern. Derzeit gibt es für keine der neurodegenerativen Demenzen krankheitsmodifizierende Therapien. Stattdessen stehen dem Kliniker mehrere therapeutische Instrumente zur Verfügung, um die kognitiven und verhaltensbezogenen Folgen von Demenz zu mildern. Grundsätzlich existieren drei verschiedenen Ansätze der Behandlung einer Demenz-Erkrankung:

  1. Verlangsamung der chronischen Verschlechterung
  2. Stoppen der Progression
  3. Bereits erfolgte Schäden rückgängig machen

Diese Ansätze werden durch zwei verschiedene Interventionsmaßnahmen verfolgt.

Pharmakologisch:

  • Reduzierung der Produktion von Amyloid oder Tau
  • Erhöhung der Clearance von Amyloid oder Tau
  • Reduzierung der Toxizität von Amyloid oder Tau
  • Reduzierung der Neuroinflammation
  • Reduzierung der Neurodegeneration

Nichtpharmakologisch:

Dies sind multimodale Lebensstilinterventionen, die die Progression im frühen Krankheitsverlauf verhindern oder reduzieren können. Die Präsentation der nichtpharmakologischen Interventionen wird aus Gründen der Lesbarkeit gekürzt und damit nicht vollständig dargestellt.

Gehirntraining:

Gehirntraining verwendet viele Wiederholungen geschickter und zielgerichteten Aufgaben, um die Kognition durch Neuroplastizität zu verbessern. Die Evidenz für ihre Wirksamkeit im Zuge einer Demenzerkrankung fehlt. Kognitive Bereicherung: Wird definiert als die Schaffung einer anregenden Umgebung. Kognitive Stimulationstherapien werden primär in dieser Kategorie verwendet. Die Sitzungen werden in Gruppen durchgeführt, in denen die Teilnehmer orientiert stimuliert werden, anhand von Aktivitäten wie Erinnerungstherapie, multisensorische Stimulation und soziale Aktivitäten, unter der Leitung von Moderatoren in der Regel zweimal wöchentlich für insgesamt 14 Stunden. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Strategien die Stimmung und die Lebensqualität verbessert.

Erinnerungstherapie (RT):

Erinnerungstherapie beinhaltet die Diskussion von Erinnerungen und vergangenen Erfahrungen mit anderen Menschen unter Verwendung konkreter Aufforderungen wie Fotos oder Musik, um Erinnerungen hervorzurufen und Gespräche anzuregen. RT wird in einer Reihe von Umgebungen in verschiedenen Formaten implementiert. Die Ergebnisse aus den verschiedenen Studienparadigmen werden im folgendem präsentiert.

  1. 15 Proband:innen mit Demenz wurden persönliche Fotos und Videos sowie zwei verschiedene TV-Shows präsentiert. 80% der Proband:innen zeigten verstärkt Aufmerksamkeit für die personalisierten Foto/Video Stimuli. Es wurde eine Video-Diashow entwickelt, die ausschließlich auf alten Fotografien von Einzelpersonen basiert. Um die Interaktion spannender zu gestalten, wurde dem Fotovideo ein Schwenk-/Zoom-Effekt hinzugefügt. Da alte Musik und Kinderlieder wirksam sind, um Menschen mit Demenz zu beruhigen, wurde diese Musik im Hintergrund gespielt, um die Freude der Menschen mit Demenz zu steigern. Darüber hinaus kann eine Erzählung mit der richtigen Sprechgeschwindigkeit und dem richtigen Inhalt die Attraktivität der Fotovideos erhöhen und wurden daher auch hinzugefügt. Diese Art der RT kann auch ohne Betreuung durch eine Pflegekraft wiederholt werden. Während Personen mit Demenz das Video genießen, ist nicht damit zu rechnen, dass Verhaltensstörungen auftreten. Die Steigerung der Konzentration legt einen positiven Effekt der Videostimulation nahe.
  2. Yasudaet al. (2005) und Kuwahara et al. (2005) führten Vorstudien zur Wirksamkeit des Fotovideos durch. Ihre Ergebnisse zeigten, dass die Fotovideos effektiv waren. Die Zahl der untersuchten Teilnehmer war jedoch gering und ihre Ätiologie der Demenz variierte.
  3. Es konnte ein positiver Einfluss der Präsentation und Erstellung der Autobiographieder Patient:innen demonstriert werden.

Behandlung der Demenz

Verschiedene Studien legen nahe, dass Fotovideos Menschen mit Demenz effektiv dabei

helfen, ihre Konzentration über einen längeren Zeitraum zu steigern, insbesondere für die Gruppe mit schwerer Demenz. Das Fotovideo ist als bequeme Methode zur Erinnerungsintervention vielversprechend. Obwohl die Zusammenfassung gezeigt hat, dass die Erinnerungstherapie die Ergebnisse für Menschen mit Demenz verbessern kann, sind ihre Wirkungen inkonsistent, oft von geringer Größe und können sich je nach Einstellung und Modalitäten erheblich unterscheiden.

Die Ergebnisse, für die ein gewisser Nutzen identifiziert wurde, sind kognitive Funktion, Kommunikation/Interaktion, Lebensqualität und Stimmung. Grundsätzlich sind die Effekte der RT jedoch nicht über die verschiedenen Arten von Erinnerungsarbeit (Gruppe oder Einzelperson, mit oder ohne Einbeziehung der Angehörigen) oder über verschiedene Kontexte (Pflegeheim oder Gemeinde) hinweg konsistent. Die RT bietet primär einen Ansatz zur Reduzierung der Verhaltensstörung. Über die Langzeitwirkung und über die Wirkung als Präventionsmaßnahme bzw. Verlangsamung der eigentlichen Demenzerkrankung ist bislang nichts bekannt.

Moritz Boll, Neurologe, M.Sc.


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